BF138/14: Soziale Einflussfaktoren auf den Erfolg von passivem Hochwasserschutz

Passiver Hochwasserschutz definiert Räume, die wesentlich der „fließenden Retention" von Gewässern gewidmet sind. Andere Nutzungen dieser Räume, beispielsweise land- und fortwirtschaftliche, sind in eingeschränkter Form möglich. Insgesamt handelt es sich um eine nachhaltige, wenngleich flächenextensive Möglichkeit zum Schutz des (verbleibenden) Kulturraumes vor Überflutungsschäden. Aufgrund der Flächenextensität haben PlanerInnen komplexe Akteur-Netzwerk-Beziehungen zu berücksichtigen.

Das zentrale Anliegen des Forschungsprojektes besteht in der Erarbeitung von sozialwissenschaftlichen Werkzeugen für die Planung von passivem Hochwasserschutz. Diese Werkzeuge sollen in einem Weiterbildungsmodul an MitarbeiterInnen der Wildbach- und Lawinenverbauung vermittelt werden. PlanerInnen sollen über Ihre Rollen und das Verhältnis ihrer Rollen zu den Rollen der übrigen Beteiligten aufgeklärt werden. Bei der Abfassung des Abschlussberichts ist daher das didaktische Ziel zu berücksichtigen. Entferntes Ziel ist es, das gewonnene Material in eine stärker theoretisch orientierte Arbeit über den Umgang mit so genannten Naturgefahren aus der Perspektive der Raumordnung einfließen zu lassen. Dabei soll die Frage nach Gewinnern und Verlierern bei nachhaltigen und gemeinwohlorientierten Schutzvorhaben im Vordergrund stehen.

Problemstellung

Bekannt sind Vorhaben, die sich trotz erheblicher planerischer Bemühungen nicht etablieren ließen. Sie bleiben an vermeintlichen „Kleinigkeiten" innerhalb der sozialen Projektsphäre stecken. Demgegenüber stehen Vorhaben, die sich – mit mehr oder weniger Abstrichen – erfolgreich realisieren ließen. Vermutet werden maßgebliche Unterschiede in den projektspezifischen Informations-, Kommunikations-, Macht- und Hierarchiestrukturen, sowie in den lokalen sozialhistorischen Entwicklungsschemata. Demgegenüber werden keine gravierenden Unterschiede in der technischen Qualität der Projekte erwartet. Das Forschungsinteresse richtet sich auf soziale Einflussfaktoren, welche die Realisierbarkeit von passivem Hochwasserschutz beeinflussen und münden in die Frage: Wie funktionieren die jeweiligen Akteur-Netzwerke? Begründung der Notwendigkeit: Passiver Hochwasserschutz stellt eine ökologisch wie ökonomisch langfristig günstige Alternative zum aktiven Hochwasserschutz dar. Aufgrund der in der Regel hochkomplexen Akteur-Netzwerke erscheint eine dahingehende Sensibilisierung der PlanerInnen und Erarbeitung von sozialwissenschaftlichen Planungswerkzeugen als wesentlich für das Gelingen von Projekten zum passiven Hochwasserschutz.

Geplanter Ablauf der Forschungsdurchführung (Methode)

Rekonstruiert werden ausgearbeitete Projekte zum passiven Hochwasserschutz. Dabei werden vorab zwei Projektkategorien unterschieden:

a) Projekte, die Muster einer zügigen Realisierung erkennen lassen.
b) Projekte, die Muster einer gehemmten Realisierung oder Unrealisierbarkeit erkennen lassen. Es sollen die jeweils projektrelevanten Akteur-Netzwerke herausgearbeitet und im Hinblick auf solche Kategorien verglichen werden, die beschleunigend oder hemmend auf die Realisierung des passiven Hochwasserschutzes wirken.

Um den Akteuren in ihrer Unterschiedlichkeit gerecht zu werden, erfolgen die Gewinnung und die Analyse von Daten bevorzugt mit qualitativen Methoden der Sozialforschung. Bei der Datengewinnung ist an narrative Einzelinterviews, teilnehmende Beobachtungen sowie an Dokumenten- und Fotoanalysen gedacht. Die Datenanalyse orientiert sich am Verfahren der Grounded Theory.

Den heuristischen Rahmen beziehungsweise die Theoriefolie bildet die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour. Sie ist in konzeptioneller und begrifflicher Hinsicht hilfreich, weil neben sinn-strukturierten Akteuren, etwa Grundeigentümern, Planern, Behördenvertretern, auch nicht-sinn-strukturierte Akteure, beispielsweise geomorphologische und hydraulische Verhältnisse, Klima, Fauna, Flora sowie der Bestand an Schutzbauwerken, eine maßgebliche Rolle spielen. Eine besondere Position kommt den vorhandenen Projekten zum passiven Hochwasserschutz in ihrem Vermögen zu, die vorgefundenen Verhältnisse mehr oder weniger komplex abzubilden. Weitere konzeptuelle Orientierung bietet die Theorie zur Produktion des Raumes von Henri Lefebvre.

Im Sinne eines theoretischen Samplings wird bei einem „gelungenem" und einem „steckengebliebenem" Projekt begonnen. Maximal sollen je drei Projekte untersucht werden.

Projektinitiative, Interessenten, beteiligte Institutionen und Verwertung

Initiative und Interesse gehen von der Wildbach- und Lawinenverbauung aus, insbesondere vom Fachbereich Ökologie. Eine erste Verwertung der Studie besteht darin, die Analyseergebnisse in ein Weiterbildungsmodul für MitarbeiterInnen der Wildbach- und Lawinenverbauung einfließen zu lassen. Dieses Weiterbildungsmodul wird sich unter anderem mit der Vorbereitung von Projektbesprechungen und Bürgerinformationen befassen. Die Wildbach- und Lawinenverbauung und die Bundesanstalt für Bergbauernfragen gehören dem Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt- und Wasserwirtschaft an. Das Forschungsprojekt wird daher in Form einer Inhouse-Kooperation zwischen beiden Organisationseinheiten geplant und realisiert. Dies hat auch Einfluss auf die Urheberschaft bei allfälligen Publikationen der Forschungsergebnisse.

Projekt

laufend

 

 

weiterführende Literatur

  • Wiesinger Georg (2018) The Importance of Social Capital in Rural Development. Networking and Decision-Making in Rural Areas. In: Lützeler, Ralph (ed.): Rural Areas between Decline and Resurgence. Lessons from Japan and Austria. Beiträge zur Japanologie. Veröffentlichungen der Abteilung für Japanologie des Instituts für Ostasienwissenschaften der Universität Wien, Band 46, pp. 79-92.

  • Wiesinger G., Tamme, O. Egartner S. (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital. Beitrag zum Grünen Bericht 2018. S. 106-107.

  • Wiesinger Georg (2018) Sen, Amartya: Collective Choice and Social Welfare: Rezension in der SWS (Sozialwissenschaftliche Studiengesellschaft) Rundschau Nr. 2/2018.

  • Wiesinger Georg (2018) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen. Tagungsband der 73. ALVA Tagung. Gmunden. Mai 2018.

  • Wiesinger Georg, Tamme Oliver, Egartner Sigrid (2018) Gute Konzepte am richtigen Ort? Soziale Landwirtschaft und Sozialkapital in ländlichen Regionen. Forschungsbericht Nr. 70. Wien. Jänner 2018. 185 Seiten. Bundesanstalt für Bergbauernfragen.

  • Wiesinger G., Lampalzer Th., Oedl-Wieser Th. (im Erscheinen) Akteur-Netzwerke im präventiven Schutzwasserbau. Eine explorative Studie anhand von drei Fallbeispielen. In: Zeitschrift für Wildbauch- und Lawinen-, Erosions- und Steinschlagschutz. Jg. 82. Heft 181.

  • Wiesinger Georg (2017) Kurzes Statement zur Sozialen Landwirtschaft. In: Broschüre des Südtiroler Bauernbundes. S. 19.20. www.baeuerinnen.it

  • Wiesinger, Georg; Issak, Yesra; Neuhauser, Fritz; Egartner, Sigrid (2017) Integrative Gartenarbeit mit Flüchtlingen, Facts & Features Nr. 55 der Bundesanstalt für Bergbauernfragen, Wien

  • Wiesinger, Georg (2017) Social Capital in Rural Development, Networking and Decision-Making. In: Kapferer, Elisabeth; Gstach, Isabell; Koch, Andreas and Clemens Sedmak (Eds.): Rethinking Social Capital: Global Contributions from Theory and Practice, Cambridge Scholars Publishing, Cambridge, U.K. pp. 239-258

  • Tamme, Oliver und Schrems, Alois (2017) Förderung der sozialen Inklusion, der Armutsbekämpfung und der wirtschaftlichen Entwicklung in ländlichen Gebieten. Paket J/Verkehr, Mobilität, Breitbandinfrastruktur – VHA 7.2.1., 7.4.2. u d 7.3.1. Endbericht April 2017. Wien. 46 Seiten.

  • Tamme, Oliver (2017) Daseinsvorsorge: Weitgehend intakt. Aber … In: netzwerk zukunftsraum land. Ausgabe 2/17.

  • Wiesinger, Georg, Galardi, Morgana (2016) Tiergestützte Interventionen als neue Möglichkeit für landwirtschaftliche Kleinbetriebe – Gli interventi assisti con Animali como nuova opportunitá per la aziende agricole di piccole dimensioni. Mai 2016. 114 Seiten. BA für Bergbauernfragen

  • Wiesinger, Georg (2015) Green Care und Soziale Landwirtschaft, In: Nationalpark Hohe Tauern, Nationalparkakademie: Anders wirtschaften - Chancen und Möglichkeiten im Berggebiet, 9. bis 10. April 2015, Tagungsband, Nationalparkzentrum Mallnitz, S. 48-54

  • Wiesinger Georg (2015) Social capital in rural development, networking and decision-making. Buchbeitrag. Bei: Cambridge University Press

  • Tamme, Oliver (2015) Mobilität im ländlichen Raum. In: Ländlicher Raum – online-Zeitschrift des BMLFUW, 10 Seiten.

  • Tamme, Oliver (2015) Ländliche Mobilität in Österreich. Eine Bestandsaufnahme. Facts&Features Nr. 53. Wien. September 2015. 97 Seiten. Bundesanstalt für Bergbauernfragen.

  • Wiesinger, Georg/Wydler, Hans und Haubenhofer, Dorit (2014) Quo vadis cura viridis? Green Care im Verhältnis zur Forschung. In Zeitschrift Green Care, Nr. 1/2014, März 2014, S. 2-6

  • Wiesinger, Georg (2014) Armut im ländlichen Raum. In Dimmel, Nikolaus/Heitzmann, Karin und Schenk, Martin (Hg) Handbuch Armut in Österreich. 2. Auflage. Wien, Innsbruck, Bozen: Studienverlag. 328-342.

  • Tamme, Oliver (2013): Auswirkungen des Klimawandels auf die Almwirtschaft – Wechselwirkung mit nutzungsbedingten Veränderungen der Bewirtschaftung. 3 Seiten, In: Der Alm- und Bergbauer Ausgabe 6-7/13

  • Tamme, Oliver (2013): Auswirkungen des Klimawandels auf das österreichische Berggebiet. In: Ländlicher Raum- Online-Fachzeitschrift des BMLFUW Ausgabe 03/2013, 14 Seiten URL.: http://www.lebensministerium.at/land/laendl_entwicklung/Online-Fachzeitschrift-Laendlicher-Raum/Klimawandel.html