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Josef Krammer: Festvortrag "Erfahrungen aus 29 Jahren"

Josef Krammer
Josef Krammer
Am 27. März 2008 hielt Josef Krammer anläßlich seiner offiziellen Verabschiedung als Direktor der Bundesanstalt für Bergbauernfragen seinen Festvortrag zum Thema "Erfahrungen aus 29 Jahren". Im Anschluß wurde ihm von Michaela Hager und Gerhard Hovorka das Buch "Sichtbare Spuren - WeggefährtInnen von Josef Krammer und der Bundesanstalt für Bergbauernfragen erinnern sich" überreicht. Vor den zahlreich erschienenen Festgästen sprach Josef Krammer über folgende Bereiche:

  1. Über den Wandel der öffentlichen Verwaltung in den letzten 30 Jahren: „Vom Beamten zum Manager“
  2. Über die Erfahrung mit der Reorganisation der nachgeordneten Dienststellen des Landeswirtschaftsministeriums.
  3. Über seine sehr positiven Erfahrungen mit der Verwaltungsinnovation „Flexiklausel“.
  4. Über die Erfahrungen mit „externen Beratern“.
  5. Über den geringen Stellenwert, welchen das Landwirtschaftsministerium der Forschung zumisst und über Forschungsbereiche, die in Zukunft besondere Bedeutung erhalten werden.
  6. Abgeschlossen hat er seinen Erfahrungsbericht mit den Fragen: was waren die Besonderheiten der Arbeiten der BA für Bergbauernfragen und was haben diese Arbeiten, aus seiner Sicht, bewirkt.
Auszug aus seiner Rede...
Fotos der Veranstaltung

Auszug aus der Rede:

„Nun, zum Abschluss, zu meiner letzten Frage im heutigen Erfahrungsbericht:

Was hat unsere Arbeit bewirkt? Wo haben wir, aus meiner Sicht, Spuren hinterlassen?

Ja, es waren 30 spannende Jahre in der Agrar- und Regionalpolitik!

Wir konnten erleben, wir konnten erfahren, dass vieles was wir in der Studie „Das österreichische Agrarsystem" vorgeschlagen und mit den jungen Bauern der neugegründeten Bergbauernvereinigung ausgearbeitet und diskutiert haben, umsetzbar war und auch umgesetzt wurde.

Nun einige wichtige Highlights:

  • So wurde die erste Direktzahlung an Bergbauern in Österreich, der Bergbauernzuschuß, bei der Einführung 1971/72 als Tabakgeld verhöhnt, zum zentralen agrarpolitischen Instrument in der EU „Die Direktzahlungen sind nicht mehr wegzudenken - die erste Direktzahlung in Österreich war der Bergbauernzuschuß".
  • Die österreichischen Bergbauernsonderprogramme von 1972 bis 1988 haben fast alle Elemente enthalten, welche heute das „Programm zur Entwicklung des ländlichen Raumes" enthält.
  • Die eigenständige Regionalentwicklung mit der Sonderaktion des Bundeskanzleramtes finden wir heute in der Leaderachse in der EU-Politik für den ländlichen Raum 
  • Wir haben Ende der 70er Jahre den Biolandbau als eine von mehreren zentralen Strategien zum wirtschaftlichen Überleben von benachteiligten Regionen und als Gegenstrategie zur umweltschädigenden Intensivlandwirtschaft in den Gunstlagen vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde bekämpft, verhöhnt - uns wurde öfters die Frage gestellt, wie könnt ihr euch als ernstzunehmende Wissenschaftler und noch dazu als Ökonomen mit dem Bio-Landbau beschäftigen? Es war eine schöne Entwicklung des Bio-Landbaues als Wirtschaftsweise für Spinner, Außenseiter zur anerkannten Alternative in der Landwirtschaft. Vom Angebot von Bioprodukten in ausgewählten Reformhäusern zum Standardprodukt in allen Supermarktketten. Dazu eine Anmerkung: Im Rahmen der Studie „Das Österreichische Agrarsystem" haben wir 1978 die erste Biobauernbefragung und die erste österreichweite Konsumentenbefragung durchgeführt.
  • Wir haben Strategien zur Weiterverarbeitung und Direktvermarktung mit den innovativen Bauern der Bergbauernvereinigung ausgearbeitet und ausprobiert. Ich möchte an den mit allen juristischen Mitteln bekämpften Ab-Hof-Verkauf von Milch und Milchprodukten erinnern. Heute gehören Milch- und Fleischprodukte zu den zentralen Angeboten im Rahmen der Direktvermarktung und auf den unzähligen Bauernmärkten.
  • Nicht vergessen möchte ich unsere Vorschläge im Bereich der bäuerlichen Sozialversicherung, vor allem die vielen Diskussionen und Arbeitssitzungen in er Bergbauernvereinigung 1979-81 zur Einführung der BäuerInnenpension - unsere Vorschläge wurden als nicht machbar, als nicht finanzierbar abgetan und dann 10 Jahre später 1992 genauso wie wir vorgeschlagen haben - Teilung des Einheitswertes - eingeführt.

Verabschiedung
Verabschiedung
Es gäbe noch einiges anzuführen, z.B. was wir zu den Gefahren der Gen- und Biotechnologie geforscht, diskutiert und welche Maßnahmen wir vorgeschlagen haben. Z.B. als Kollege Hoppichler bereits 1996 GVO-freie Zonen vorgeschlagen hat, wurde er ignoriert, belächelt und sein Vorschlag als völlig absurd und undurchführbar abgetan - dies hat sich ganz schön verändert, als in der EU, im EU-Parlament dann GVO-freie Zonen diskutiert und einige österreichische Bundesländer „Gentechnikgesetze" beschlossen haben.

Nun, ich komme zum Schluss mit der Frage: Wie sehe ich die Zukunft?

Ich bin sicher, dass die uns nachfolgenden Generationen von jener positiven, auf Veränderung drängenden Unzufriedenheit, die uns Jungen von 30-40 Jahren eigen war, erfasst werden wird - auch wenn es derzeit nicht so aussieht - und diese Unzufriedenheit wird wieder Veränderungen bringen - wir stehen wahrscheinlich am Ende einer Zeitepoche, aber nicht am Ende der Geschichte - die Unzufriedenheit kommender Generationen wird ein „Fortschreiten" in der Geschichte - und ich sage hier sehr bewusst das mittlerweile verpönte Wort „Fortschritt" in der Geschichte ermöglichen - ich vertraue auf die Dialektik der Geschichte - nichts bleibt wie es ist.

Danke"

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  Fotos der Veranstaltung

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