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Sozialwissenschaftliche Forschung an der BA für Bergbauernfragen (BABF)

Sozialwissenschaftliche Themen und Fragestellungen haben seit der Gründung der Bundesanstalt für Bergbauernfragen einen hohen Stellenwert. Anfangs war vor allem die Einkommensverteilung in der Landwirtschaft ein wichtiges Arbeitsfeld. Im Laufe des mehr als 20jährigen Bestehens der BABF sind neue Fragestellungen hinzugekommen, die sich mit der Entwicklung und den Veränderungen der Lebens- und Arbeitssituation von Frauen und Männern in ländlichen Regionen befassen. In den wissenschaftlichen Analysen wird von einem rein agrarischen Blickwinkel abgegangen, der ländliche Raum in einer integrativen Sichtweise vielmehr als multisektoral und vielfältig hinsichtlich der Lebens- und Arbeitsformen seiner BewohnerInnen wahrgenommen.

 
  • Die rasanten wirtschaftlichen Entwicklungen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten beiden Jahrzehnte haben in den ländlichen Regionen vielfältige Anpassungsstrategien erforderlich gemacht, um diesen Strukturwandel zu bewältigen. Bereits Mitte der 1980er Jahre beteiligte sich die BABF an einem mehrjährigen EU-weiten Projekt zur Erwerbskombination. Ziel dieses Forschungsprojektes war die Bewertung der strukturellen Auswirkungen wichtiger agrar-, sozial- und wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf die verschiedenen Typen von landwirtschaftlichen Haushalten und Betrieben sowie die Entwicklung und die vielfältigen Formen der Erwerbskombination in verschiedenen Regionen Europas. Es wurde festgestellt, dass die Erwerbskombination ein wichtiger Bestandteil einer Politik für den ländlichen Raum ist. Durch sie werden Beschäftigungsmöglichkeiten für die Wirtschaft im ländlichen Raum nutzbar gemacht, jungen Menschen wird der Verbleib in der Region erleichtert und es können dadurch auch höhere Einkommen in den landwirtschaftlichen Haushalten erzielt werden. (Bäuerliche Welt im Umbruch: Entwicklung landwirtschaftlicher Haushalte in Österreich, Forschungsbericht Nr. 32, Wien 1993; Erwerbskombination und Agrarstruktur: Entwicklung landwirtschaftlicher Haushalte im internationalen Vergleich, Forschungsbericht Nr. 33, Wien 1995; Pluriactivity and rural development/ Erwerbskombination und regionale Entwicklung: Theoretical framework/ Theoretische Erklärungsversuche, Forschungsbericht Nr. 34, Wien 1995)
  • In einem weiteren Forschungsprojekt der BABF wurde das Phänomen der Aussteigerlandwirtschaft analysiert. In Zeiten struktureller Krisen in der Landwirtschaft gibt es nicht nur Überlegungen, sich aus der Landwirtschaft zurückzuziehen, sondern es gibt auch Personen, die in die Landwirtschaft einsteigen wollen. Vielfältige Formen des Aussteige- und Einsteigeprozesses und die zentrale Problematik der sozialen Integration sowie die Lebensorientierungen, Werte und Lebensstile der AussteigerInnen wurden in dieser Studie analysiert (Mit'n Biachl heign - Soziokulturelle und ökonomische Aspekte von Aussteigerlandwirtschaften in Österreich, Forschungsbericht Nr. 41, Wien 1999).
  • In einer weiteren Untersuchung wurde anhand von sechzehn bäuerlichen Initiativen im ländlichen Raum die Vielfalt bäuerlicher Einkommensalternativen dargestellt, die von der Herstellung spezieller Produkte aus landwirtschaftlichen Rohstoffen über kooperative Vermarktungsformen bis hin zum Angebot verschiedener Dienstleistungen reicht (Der Weg entsteht im Gehen. Bäuerliche Initiativen im ländlichen Raum, Forschungsbericht Nr. 39, Wien 1997).
  • Auf einen Aspekt, der auch bei den Motiven für den Einstieg in die Landwirtschaft eine große Rolle spielt, nämlich der Subsistenzwirtschaft, fokussiert das derzeit laufende Projekt "Subsistenz - Die Bedeutung der Versorgungsarbeit". Hier wird mittels teilnehmender Beobachtung versucht, Einblicke in die Alltagskultur von Subsistenz betreibenden Bäuerinnen und Bauern in den Regionen Mühlviertel, Salzburg und Südtirol zu gewinnen. Dabei soll die Bedeutung und Anerkennung der Subsistenzwirtschaft für die eigene Familie, den Betrieb und die regionalen Wirtschaftskreisläufe untersucht werden. Augenmerk wird dabei auch auf den Umgang von Männern mit der Subsistenz gelegt, da die Subsistenz-Perspektive von Frauen entwickelt worden ist und sehr stark weiblichen Lebensentwürfen entspricht.
  • Die Beschäftigung mit der Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in ländlichen Regionen im Allgemeinen stellt ein weiteres Arbeitsfeld in der sozialwissenschaftlichen Forschung an der BABF dar. Schwerpunkte der Analyse sind dabei das Aufzeigen der Bedeutung der Frauen für das Funktionieren und für die Aufrechterhaltung von ländlichen Regionen, die Darstellung der Ambivalenzen in den Lebenszusammenhängen von Frauen unter dem Eindruck von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen sowie die Formulierung von Handlungsbedarf für Politik und Verwaltung (Emanzipation von Frauen am Land. Eine explorative Studie über Ambivalenzen und Lebenszusammenhänge. Forschungsbericht Nr. 40, Wien 1997). Derzeit wird in einer Forschungskooperation an einer Studie zum Thema "Gleichstellungsorientierte Regionalentwicklung" gearbeitet. Darin soll argumentativ unterlegt werden, warum die Notwendigkeit der differenzierten Betrachtung der unterschiedlichen Lebenssituationen von Frauen und Männern und daraus abgeleiteter Ansprüche an die Regionalentwicklung besteht. Eine wesentliche Zielsetzung der Studie besteht darin, Strategien zu erarbeiten, die eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in den Regionen ermöglichen bzw. vorantreiben.
  • Der wirtschaftlich-strukturelle Wandel (u.a. EU-Beitritt Österreichs) und der anhaltende Individualisierungsprozess in der Gesellschaft verursachen einen Struktur- und Wertewandel in der Landwirtschaft. Anhand von mehreren Befragungen von Jung- und Bergbauern/-bäuerinnen über einem Zeitraum von sechs Jahren wurde untersucht, inwieweit die dynamischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Prozesse zu Reaktionen führen und welche Faktoren letztlich entscheidend für bestimmte Einstellungen und Handlungsweisen sind (Landwirtschaft zwischen Tradition und Moderne. Über den Struktur- und Wertewandel in der österreichischen Landwirtschaft. Forschungsbericht Nr. 46, Wien 1999).
  • Die steigenden Bedeutung der Sozialen Betriebshilfe in der Landwirtschaft, die u.a. auf der - mit dem landwirtschaftlichen Strukturwandel einhergehenden Abnahme an verfügbaren betrieblichen Arbeitskräften beruht, war Thema eines weiteren Forschungsprojekts. Es wurden dabei nicht nur die ökonomischen, sozial- und arbeitsrechtlichen Aspekte der Betriebshilfe als eine organisierte Form der Nachbarschaftshilfe beleuchtet, sondern das Augenmerk auch auf die sozial- psychologischen Komponenten sowie auf die unterschiedlichen Erwartungshaltungen auf Seite der Einsatzkräften und Leistungsempfängern gerichtet (Betriebshilfe als sozialpolitische Einrichtung - Ergebnisse einer empirischen Untersuchung über die Situation der Sozialen Betriebshilfe in Österreich, Forschungsbericht Nr. 36, Wien 1995).
  • Beschäftigungsperspektiven für behinderte Menschen in der Landwirtschaft stellten einen weiteren Schwerpunkt der Forschungsarbeiten an der BABF dar. Einerseits wurde dabei auf die Situation körperlich behinderter Menschen im ländlichen Raum und landwirtschaftlichen Betrieben aufmerksam gemacht (Behinderte in der Landwirtschaft. Zwischen Resignation und Behauptung, Forschungsbericht Nr. 27, Wien 1991). Dabei wird aufgezeigt, dass eine körperliche Behinderung nicht unbedingt in eine soziale Sackgasse führen muss, sondern dass es durchaus Möglichkeiten einer beruflichen und sozialen Rehabilitation gibt. Der Themenbereich der psychischen und geistigen Behinderungen wurde in einem eigenen Bericht behandelt (Irrsinn und Landleben. Modelle einer Behindertenintegration in der Landwirtschaft, Forschungsbericht Nr. 28, Wien 1991). Dabei wurden Chancen und Risken einer Betreuung und Beschäftigung von geistig und mehrfach behinderten Menschen sowohl aus der Sicht der bäuerlichen Pflegestellenbetreiber als auch die Perspektiven von Seiten der behinderten Menschen aus psychosozialer und therapeutischer Sicht beleuchtet.
  • Gerade in Phasen des Umbruchs ist sowohl mit neuen Handlungsräumen und Lebenschancen, aber auch mit vielen Unsicherheiten und Risiken zu rechnen. In einem EU-Forschungskooperationsprojekt zum Thematik der Entwicklungschancen Jugendlicher in ländlichen Regionen waren die folgende Fragestellungen im Mittelpunkt: "Wie sehen die Chancen und Möglichkeiten der Jugendlichen beim Übergang zwischen Ausbildung und Beschäftigung in den einzelnen ländlichen europäischen Studienregionen aus und welche Auswirkungen haben politische Maßnahmen und Rahmenbedingungen in diesem Zusammenhang?" Die Analyse der Lebensbedingungen von Jugendlichen macht deutlich, dass wirtschaftliche und soziale Integrationsprozesse eng miteinander in Beziehung stehen und sich gegenseitig bedingen, sodass Maßnahmen zur Integration von Jugendlichen in ländlichen Regionen nicht nur vorwiegend auf den Arbeitsmarkt konzentriert werden dürfen (Jung und niemals Zuhause. Jugendliche auf der Suche nach Perspektiven im ländlichen Raum, Forschungsbericht Nr. 50, Wien 2002).
  • Die Befassung mit der Situation benachteiligter Bevölkerungsgruppen hat eine lange Tradition an der BABF. In einem Forschungsprojekt wurden die spezifischen Faktoren von ländlicher Armut im Allgemeinen und die Hauptproblembereiche der bäuerlichen Armut im Speziellen analysiert. Dabei wurde aufgezeigt, wie die einzelnen Dimensionen von Armut - räumlich, zeitlich und sozial - zusammenwirken sowie welche dynamische Wirkungen sie verursachen können (Die vielen Gesichter der ländlichen Armut. Eine Situationsanalyse zur ländlichen Armut in Österreich, Forschungsbericht Nr. 46, Wien 2000).

Sozialwissenschaftliche Fragestellungen haben in Hinblick auf eine auf die Zukunft ausgerichtete moderne und innovative Landwirtschaft eine zentrale Bedeutung. Denn es geht nicht nur um die Schaffung einer nachhaltigen und wettbewerbsfähigen Landwirtschaft sondern auch um die Soziale Sicherheit und Zufriedenheit der landwirtschaftlichen Bevölkerung. Für die Funktionsfähigkeit der ländlichen Räume ist allerdings nicht nur die landwirtschaftliche sondern die ländliche Bevölkerung als Ganzes entscheidend. Die einzelnen Konzepte und Lösungsansätze müssen daher einen umfassenden Fokus haben. Dafür muss eine entsprechende sozialwissenschaftliche Forschung weiterhin gewährleistet sein. Nur so können ausreichende wissenschaftliche Grundlagen für die Bewältigung der zukünftigen Herausforderungen gewonnen werden.